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Illustration: Ein junges Mädchen blickt in den Spiegel und sieht ein verzerrtes Spiegelbild. Ein grundlegendes Minderwertigkeitsgefühl ist eine Hauptursache für eine Essstörung.
Familie

Im Kampf gegen die Essstörung: „Ich kam mir nie gut genug vor“

Mein Kind hat eine Essstörung – für viele Eltern eine Horrorvorstellung. Doch eine Magersucht oder eine Bulimie entsteht nicht von einem auf den anderen Tag. Im Gespräch mit der AOK NORDWEST erklären erfahrene Pädagogen, wie es soweit kommen kann und wie Angehörige einer bedenklichen Entwicklung entgegenwirken können.

„Warum haben wir so große Probleme damit, uns gegenseitig zu loben?“, fragt sich Monika Wieder. Die 51-jährige Theaterpädagogin erinnert sich an ihre Kindheit:

„Meine Freundinnen hatten alle lange, blonde, glatte Haare. Lange Haare hatte ich auch, aber mit Locken: Immer wenn es regnete, sah ich aus wie ein Wischmob. Jahre später gegen Ende meiner Schulzeit stand ich einmal auf dem Schulklo und eine meiner Freundinnen sagte zu mir: ‚Oh, ich hab‘ dich schon immer so sehr um deine schönen Locken bewundert.‘ In dem Moment drehte ich mich um und rief nur: ‚Blöde Kuh!‘ Sie ganz verdutzt: ‚Warum das denn?‘ Ich erwiderte: ‚Warum jetzt? Warum nicht vor Jahren?!‘ Denn ich hatte gelitten wegen meiner Haare. Ich hatte nicht gewusst, dass das jemand schön findet.“

Monika Wieder

Diplom-Sozialpädagogin

Sie arbeitet als Regisseurin und Schauspielerin – beim „Püppchen“-Theater kümmert sie sich zudem um die pädagogische Nachbetrachtung in den Schulklassen. Zusammen mit ihrer Kollegin Sarah Gros hat sie das Stück entwickelt und geschrieben, gemeinsam bilden sie das Ensemble Sakramo 3D.

Wenn Kinder sich nicht genügen

Monika Wieder war 15 Jahre, als sie begann, ihren Körper – wie sie sagt – „zu drangsalieren“. Sie hatte eine Ess-Brechsucht entwickelt, besser bekannt als Bulimie. „Mein Vater war Quartalstrinker, das Suchtverhalten wurde also zum Teil an mich weitergegeben. Aber der wesentliche Grund für meine Bulimie: Es ging mir um Anerkennung. Ich kam mir einfach nie schön und gut genug vor.“

Ein typisches Phänomen, weiß Thorsten Schmidt, Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter bei der AOK NORDWEST. In der psychosozialen Beratung arbeitet Schmidt auch mit essgestörten Menschen zusammen: „Viele von ihnen haben das tiefe Gefühl, nicht zu genügen.“ Schmidt meint damit nicht gelegentliche Selbstzweifel, sondern ein grundlegendes Minderwertigkeitsgefühl oft gepaart mit einem Streben nach Perfektion. „Diese Menschen suchen nach Bestätigung von außen. Und selbst Erfolge, wie tolle Leistungen in der Schule oder beim Sport, können das nicht ausgleichen.“

Thorsten Schmidt

Diplom-Sozialpädagoge

Für die AOK NORDWEST arbeitet er in der psychosozialen Beratung und im Gesundheitsmanagement.

Eine weitere Hauptursache für eine Essstörung ist laut Schmidt der Mangel an Widerstandskraft und Selbstwirksamkeit. Den Betroffenen fehlt die Überzeugung, Herausforderungen selbstständig bewältigen zu können: „Sie haben Probleme, ihre Bedürfnisse auszudrücken, sie können schlecht Nein sagen, fühlen sich fremdbestimmt und verantwortlich für Dinge, für die sie sich nichts können.“ Ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen wird die Essstörung dann zu einem Entlastungsversuch, zu einer Ersatzhandlung.

Illustration: Eine junge Frau tritt im Kleid aus einer Umkleidekabine und wird für Ihre Figur und ihren Gewichtsverlust gelobt. Magersüchtige Personen fühlen sich durch solche Komplimente zunächst bestätigt.

„Und das funktioniert ja auch zunächst“, sagt Monika Wieder. Magersüchtige Personen bekämen häufig erst einmal Komplimente: „Boah, du hast aber toll abgenommen!“ Dieser „Kick der Anerkennung“ motiviere schließlich zum Weitermachen. Sowohl der magersüchtige als auch der bulimische Typ kompensiere einen Kontrollverlust mit der Essstörung: „Wenn ich sonst nichts mehr in meinem Leben kontrollieren kann, meinen Körper kann ich kontrollieren!“

Wurzeln und Flügel

Gerade junge Menschen, deren Identitätsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist und bei denen das Gruppendenken großen Einfluss hat, sind zudem anfällig für ein verbreitetes Schlankheitsideal. Das bedeutet zusätzlichen Druck: „Die Pubertät ist ohnehin eine schwierige Phase“, sagt Wieder. „Die Jugendlichen schauen in den Spiegel und sehen all die Dinge, die ihnen nicht gefallen. Das Schöne – äußerlich wie innerlich – übersehen sie viel zu oft.“

Umso wichtiger ist die Rolle der Eltern bei der Prävention: „Eltern sollten darauf achten, dass es ihren Kindern gut geht – nicht nur materiell, sondern vor allem emotional“, sagt Thorsten Schmidt und empfiehlt Eltern einen achtsamen Umgang mit sich selbst und mit den eigenen Kindern. „Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Trotzdem ist es alternativlos.“

Illustration: Ein Mädchen im Teenager-Alter richtet eine Sofortbildkamera auf sich, die Polaroid-Bilder fallen zu Haus aus der Kamera. Mit einer Gewichtabnahme kompensieren Magersüchtige häufig einen Kontrollverlust.

Empfehlungen für den Umgang mit Kindern

#1

Kinder müssen zu Hause so gemocht und geliebt werden, wie sie sind. Dafür darf es keine Bedingungen geben.

#2

Eltern sollten dieser ehrlichen Liebe zu ihren Kindern auch Ausdruck verleihen – zum Beispiel durch Umarmungen.

#3

Kinder brauchen Balance: Neben den Anforderungen des Alltags brauchen sie Augenblicke der Erholung und Freude.

#4

Eltern sollten sich authentisch verhalten, das heißt: eigene Schwächen nicht verdrängen oder verstecken, sondern als Vorbild für die Kinder offen zu diesen stehen.

#5

Familienrituale wie gemeinsame Mahlzeiten vermitteln Kindern ebenfalls Sicherheit.

#6

Kinder brauchen ein offenes Ohr und Eltern, die sie in ihrer Meinungsbildung unterstützen und sie ermutigen, sich auszuprobieren.

#7

„Zusammengefasst brauchen Kinder – wie Goethe schon wusste – vor allem zwei Dinge: Wurzeln und Flügel“, so Schmidt.

Professionelle Hilfe holen

Wie aber sollten Angehörige reagieren, wenn die Essstörung bereits offensichtlich ist? Die Pädagogen Monika Wieder und Thorsten Schmidt sind sich einig: Dann braucht es professionelle Hilfe. „Das Schlimmste, was man tun kann, ist nichts zu tun“, so Schmidt. Doch genauso war es im Fall von Monika Wieder…

Illustration: Mutter und Vater informieren sich gemeinsam am Telefon. Bei einer offensichtlichen Essstörung braucht das Kind professionelle Hilfe.

„Als ich die Bulimie bekommen hatte, wollte das niemand sehen. Niemand reagierte darauf, weder meine Eltern noch meine Lehrer“, erzählt Wieder. Entsprechend lang war ihr Weg zurück in ein normales Leben: Erst als Wieder als Sozialpädagogin arbeitete, gelang ihr der Durchbruch: „Ich hatte mir gesagt: Du übernimmst jetzt Verantwortung für andere Menschen. Um ein Vorbild zu sein, musst du endlich auch Verantwortung für dich selbst übernehmen!“ Mit viel Selbstdisziplin und dem Bewusstsein, dass die Bulimie sie als Sucht ein Leben lang begleiten wird, bekam sie die Krankheit unter Kontrolle.

Aber Wieder warnt: „Ich bin eine Ausnahme, das schafft so nicht jeder. Die meisten brauchen unbedingt eine Therapie.“ Denn: Neben der psychotherapeutischen Behandlung müssen viele Betroffene das Essen komplett neu lernen. Der natürliche Mechanismus von Hunger und Sättigung ist bei ihnen verloren gegangen. „Diese Personen brauchen klare Vorgaben, verbindliche Uhrzeiten. Was auf natürliche Weise nicht mehr funktioniert, muss zumindest für einige Zeit durch einen Plan ersetzt werden“, erläutert Wieder.

„Schau genauer hin!“

Monika Wieder und Thorsten Schmidt engagieren sich mit dem „Püppchen“-Theater im Kampf gegen Essstörungen. Das Theaterstück soll in Schulklassen für das Thema sensibilisieren. Während Wieder im Raum Baden-Württemberg als Schauspielerin in „Püppchen“ auftritt und anschließend das Gespräch zu den Schülern sucht, liegt Thorsten Schmidts Aufgabe in der gemeinsamen pädagogischen Nachbetrachtung des Stückes mit Schülern in Schleswig-Holstein.

„Es wird heute zwar mehr über das Thema Essstörung gesprochen als vor 15 Jahren“, erklärt Schmidt. „Dennoch wird über rein körperliche Krankheiten noch immer viel leichter und verständnisvoller geredet als über psychische Erkrankungen.“ Vielleicht könne das „Püppchen“-Theater einen kleinen Teil dazu beitragen, dass „offener und weniger urteilend über essgestörte Menschen gedacht wird“.

Wieder ergänzt: „Was wir mit ‚Püppchen‘ vermitteln wollen? Zum einen: Sei ehrlich mit dir selbst – wir müssen nicht immer stark sein! Und zum anderen: Schau bei anderen genauer hin und habe den Mut, ihnen zu sagen, was du an ihnen magst! Immer nur kritisieren kann jeder.“

Das sind die drei häufigsten Formen einer Essstörung:

  • Magersucht (Anorexia nervosa): etwa 250.000 Fälle bundesweit (95 Prozent davon weiblich), die Sterberate liegt bei zehn bis 15 Prozent.
  • Bulimie (Ess-Brechsucht): etwa 750.000 Fälle (davon 90 Prozent weiblich), die Sterberate liegt bei knapp einem Prozent.
  • Binge Eating Disorder (Essattacken ohne anschließendes Erbrechen): etwa 1,5 Millionen Fälle (50 Prozent weiblich, 50 Prozent männlich), gesundheitliche Gefahren erwachsen vor allem aus dem entstehenden Übergewicht.

In allen Fällen muss von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen werden.

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